Buchrezension Das Gewicht - Unser Körper

von Dr. Bianca-Karla Itariu und Priv.-Doz. Dr. Johanna Maria Brix

Mit großen Erwartungen habe ich dieses Buch in beinahe einem einzigen Tag verschlungen. Es beschreibt auf viefältige Weise das Stigma von übergewichtigen Menschen in unserer Gesellschaft. Bodyshaming kommt auch in der Medizin vor, genau dort wo Menschen Hilfe suchen und sich Mitgefühl und Respekt erwarten dürfen. 

Buch Das Gewicht unser Körper aus dem Haymond Verlag, Autorinnen Dr. Bianca Itariu und Priv. Doz. Dr. Johanna Brix

Das Gewicht – Unser Körper

Autorinnen: 
Dr. Bianca-Karla Itariu, PhD
hat an der Med. Uni Wien Ihre Ausbildung zur Fachärztin der inneren Medizin absolviert. Sie leitete bis 2023 die internistische Adipositas Ambulanz am Wiener AKH und sie ist derzeit die Präsidentin der österreichischen Adipositas Gesellschaft.

Priv.-Doz. Dr. Johanna Maria Brix
ist Fachärztin für innere Medizin und OÄ an der 1. Med. Abteilung mit Endokrinologie, Diabetologie und Nephrologie der Klinik Landstraße. Sie war bis 2023 Präsidentin der ö. Gesellschaft für Adipositas und leitet weiters die Adipositas Akademie.

Haymon Verlag, 262 Seiten, Taschenbuchformat

ISBN:978-3-7099-8236-5

Für die Rezension wurde mir ein Exemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension war nicht beauftragt und wurde nicht bezahlt.

Der Inhalt von Das Gewicht - Unser Körper

Das Buch ist in vier Teile aufgesplittet. Es empfiehlt sich auch, Teil für Teil zu lesen und nicht vorzugreifen. 
Teil 1: Darin findet man im Rückblick aufgelistet, wie aus dem ursprünglichen Ansehen von dicken Menschen – vor allem dicken Frauen, ein Stigma enstand.

Teil 2: Nicht jeder Mensch mit höherem BMI ist sofort als krank einzustufen. Die Unterschiede und vor allem, was Adipositas eigentlich ist, wird hier erklärt. Auch auf genetische Veranlagung und Umweltfaktoren wird aufmerksam gemacht.

Teil 3: Im dritten Teil geht es um sehr viele verschiedene Themen. Voruteile, Moral, Body Positivity, Fettfeindlichkeit, Bodyshaming in der Medizin, Diätologie, Abnehmspritze, kulturelle Kontexte, Medikamente usw. 

Teil 4: Teil der Lösung sein – welche sinnvollen Möglichkeiten im Raum stehen, um das Thema Adipositas anzugehen. Adipositasmedizin, Medikamente und Erstattungen, Würde, Berichterstattung in Medien, Empowerment für Frauen, Adipositasministerium.

 

zwei Frauen mit unterschiedlichem Gewicht sitzen Kopf an Kopf nebeneinander.

Das Buch kommt ohne Abbildungen und Grafiken aus. Ich hätte mir zur Veranschaulichung mancher Themen ein paar Bilder gewünscht.

Als Diätologin die seit mehr als 20 Jahren Menschen in Gewichtsfragen berät, habe ich viele Schilderungen von Patienten und Patientinnen gehört, die leider sehr gut in dieses Buch passen würden. Ich habe Respektlosigkeit und entwürdigendes Verhalten aus verschiedenen medizinischen Berufsgruppen geschildert bekommen. 

Im Zentrum des Buches steht weniger das Reduzieren von Gewicht, sondern die Frage, wie stark gesellschaftliche Normen und Vorurteile den Blick auf „dicke“ Körper prägen und welche Folgen das für die Betroffenen hat. Die Autorinnen verbinden wissenschaftliche Fakten mit Erfahrungsberichten von Patient:innen. 

"In Österreich, wie auch in vielen anderen Ländern, wird die Therapie der Adiositas als privates Hobby gesehen. Die Ernährungstherapie durch Diätolog:innen wird im niedergelassenen Bereich nicht erstattet...und medikamentöse Behandlungen werden gesetzlich nicht finanziert!"

Einmalspritzen und ein Maßband, Abnehmspritzen

Mein Fazit über das Buch: Das Gewicht - Unser Körper

ÜIch habe wie immer das gesamte Werk gelesen und möchte hier meine persönliche und fachliche Meinung als Diätologin zusammenfassen:

  • Sehr gut finde ich die Quellen-Angaben direkt nach dem Kapitel. Das ist sehr übersichtlich gestaltet worden!
  • Der Schreibstil ist in manchen Teilen eher argumentativ, teilweise hatte ich das Gefühl, dass sich Passagen wiederholen. Das unterstreicht aber das Plädoyer für mehr Würde und Respekt mit mehrgewichtigen Menschen. 
  • Auf S. 46 im Buch wird eine BIA-Messung geschildert (Messung der Körperzusammensetzung) Dabei wird in wenigen Sätzen ein Beispiel einer falsch angewandten BIA-Messung gebracht. Über diese Schilderung war ich sehr enttäuscht. Wenn ich ein Tool falsch anwende, kann ich über ein falsches Ergebnis nicht verwundert sein. Ich arbeite seit Beginn meiner Tätigkeit mit BIA-Messungen und für mich ist es eine Selbstverständlichkeit auf die Messvorbereitung hinzuweisen. Natürlich muss man keine Messungen durchführen, die Messung aber als per se ungenau hinzustellen, finde ich nicht richtig! Speziell für Menschen mit hoher Muskelmasse (es gibt auch Personen die keinen Sport machen und muskulös sind) ist die Messung oft eine Möglichkeit, das Mehrgewicht zu verstehen. 
  • Das nähere Klassifizieren der Adipositas mittels EOSS (Edmonton Obesity Staging System) find ich sehr interessant. Es nimmt in die Adipositas-Bewertung hinein, ob durch das mehr an Gewicht zusätzliche Adipositas assoziierte Risikofaktoren, physische Symptome, psychische Symptome oder funktionelle Einschränkungen bestehen.
    Es zeigt Stufen von 0-4. Stufe 0-1 erfüllt zu diesem Zeitpunkt nicht die Kriterien für klinische Behandlung. Hier gibt es den Hinweis, dass man sich an ein Primärversorgungszentrum wenden soll, um präventive Optionen zu erfahren.
  • Mit Hilfe von Patienten-Beispielen werden im Buch verschiedene Lebenssituationen näher beschrieben. Sehr gut fand ich, dass auch speziell auf die Situation von Frauen in der Peri- bzw. Menopause hingewiesen wurde. Ein Thema, das Frauen in der Beratung oft ansprechen. Sie fühlen sich mit ihren Problemen und Veränderungen, neuen Erkrankungen nicht gesehen. Fühlen sich lästig und geben irgendwann auf zum Arzt zu gehen. Und das wo wir doch wissen, dass das Herz-Kreislauf-Risiko bei Frauen nach der Menopause höher ist.
  • Motivierend fand ich die Hinweise auf andere Länder die bereits besser mit Adipositas umgehen. Therapieempfehlungen aus Kanada oder das belgische Behandlungskonzept der Adipositas machen Mut.
  • Politik und Wirtschaft sind ebenfalls zwei wichtige Nenngrößen die bei der Prävention und Therapie von Adipositas eine Rolle spielen. Ich kann nicht im Ernst erwarten, dass in einem Umfeld mit vielen hochkalorischen Lebensmittelangeboten, Menschen nicht danach greifen. Da denke ich sofort an das Topfenkäsebrot im Schulbuffet. Das liegt dann einsam neben der Leberkäs- und Schnitzelsemmel. Danach heißt es – die Schüler:innen hätten sich ja für die gesunde Jause entscheiden können. Lebensmittelkonzerne durch z.B. eine Zuckersteuer zu animieren, kalorienärmer Getränke und Milchprodukte herzustellen wäre ein gute Möglichkeit. Großbritannien u. Mexico ernten bereits die positiven Veränderungen durch diese Steuer. Warum reagieren Österreich und Deutschland nicht?
  • Dieses Buch entbindet nicht von der Eigenverantwortung, präventive Maßnahmen bedürfen aktiver Maßnahmen. Gefordert wird von den Autorinnen ein Ende der Schuldzusprechung. Von adipösen Menschen wird eine Verhaltensänderung vorausgesetzt und nur wenn man sich Medikamente wie die Abnehmspritzen leisten kann, dann bekommt man sie vielleicht verschrieben. 
  • Zum Thema Finanzierung und generelle Gesundheitskosten wird man ebenfalls fündig. 
  • Die Lösungsvorschläge im letzten Kapitel sind vielschichtig und sollten in verschiedenen Bereichen gedacht werden (eigenes Adipositasministerium, Zugang zu Ernährungsberatung, Zuckersteuer, Medikamente usw.)
Schlusswort aus dem Buch:

Adipositas ist kein individuelles Versagen, sondern das Ergebnis von Entscheidungen auf vielen Ebenen!

Prädikat lesenswert vor allem für Gesundheitsberufe aller Art, betroffenen Menschen und wünschenswert auch von Personen die durch Ihre Äußerungen Menschen mit Adipositas tagtäglich verletzen.

Buch Das Gewicht unser Körper aus dem Haymond Verlag, Autorinnen Dr. Bianca Itariu und Priv. Doz. Dr. Johanna Brix

Das Gewicht – Unser Körper

Autorinnen: 
Dr. Bianca-Karla Itariu, PhD
hat an der Med. Uni Wien Ihre Ausbildung zur Fachärztin der inneren Medizin absolviert. Sie leitete bis 2023 die internistische Adipositas Ambulanz am Wiener AKH und sie ist derzeit die Präsidentin der österreichischen Adipositas Gesellschaft.

Priv.-Doz. Dr. Johanna Maria Brix
ist Fachärztin für innere Medizin und OÄ an der 1. Med. Abteilung mit Endokrinologie, Diabetologie und Nephrologie der Klinik Landstraße. Sie war bis 2023 Präsidentin der ö. Gesellschaft für Adipositas und leitet weiters die Adipositas Akademie.

Haymon Verlag, 262 Seiten, Taschenbuchformat

ISBN:978-3-7099-8236-5

Für die Rezension wurde mir ein Exemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension war nicht beauftragt und wurde nicht bezahlt.

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Andrea

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